Medizininformatik in Deutschland

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Was ist die Medizininformatik-Initiative?

In der Medizininformatik-Initiative (MII), einem bundesweiten Förderprojekt, arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Medizin, Informatik und weiterer Fachrichtungen der deutschen Universitätskliniken zusammen. Ihr Ziel ist es, die Patientendaten, die während eines Klinikaufenthalts entstehen, bundesweit digital zu vernetzen. So kann mit diesen Daten geforscht werden, um Krankheiten zukünftig schneller und besser heilen zu können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Konsortien der Medizininformatik-Initiative zunächst bis 2022 mit rund 180 Millionen Euro.
Die von den Uniklinken geleistete Pionierarbeit soll möglichst in alle Bereiche des Gesundheitssystems einfließen: von der ambulanten Versorgung in der Hausarztpraxis über den stationären Aufenthalt im örtlichen Krankenhaus bis zur Versorgung in Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen. Für diesen Transfer zunächst modellhafte Lösungen zu entwickeln und zu optimieren – das ist die Aufgabe der sechs vom BMBF geförderten Digitalen FortschrittsHubs Gesundheit. Von 2021 bis 2025 stellt das BMBF für diese Leitinitiative seiner Digitalstrategie rund 50 Millionen Euro bereit.
Digitale FortschrittsHubs Gesundheit

Welche Ziele hat die Medizininformatik-Initiative?

Ziel der Medizininformatik-Initiative ist, Patientendaten aus der Routineversorgung für die medizinische Forschung nutzbar zu machen. Die dadurch erzielten Forschungsergebnisse sollen helfen, Krankheiten besser zu erkennen, zu behandeln und möglichst wirkungsvoll vorzubeugen. Die Medizininformatik-Initiative soll auch dazu beitragen, dass Patientinnen und Patienten schneller von gesicherten Forschungsergebnissen profitieren. Oft verstreicht noch zu viel Zeit, bis neue Erkenntnisse den medizinischen Versorgungsalltag verbessern. Der Grund dafür: Das aktuellste Wissen steht den Ärztinnen und Ärzten bei ihren Therapieentscheidungen heute nicht sofort und überall zur Verfügung. Das soll die Vernetzung von Versorgungs- und Forschungsdaten über Institutionen und Standorte hinweg zukünftig ändern. Mit den Daten sollen neue Erkenntnisse zur Entstehung von Erkrankungen u.a. in der Wechselwirkung von genetischen Anlagen, Lebensstil und Umwelteinflüssen gewonnen werden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwarten z.B. auch Erkenntnisse zu Risikofaktoren für Erkrankungen, Schutzfaktoren und zu individuellen Faktoren, die die Wirksamkeit von Medikamenten und Therapien beeinflussen. Mit der Gesamtheit der Erkenntnisse soll die Versorgung der Patientinnen und Patienten weiter verbessert werden.

Wer ist an der Medizininformatik-Initiative beteiligt?

Die Medizininformatik-Initiative vereint viele verschiedene Akteure aus der medizinischen Forschung und der Gesundheitsversorgung. In den vier Konsortien arbeiten nahezu alle Universitätskliniken Deutschlands an über 30 Standorten mit Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammen. Im Dialog mit weiteren Akteuren wie Krankenkassen, Patientenvertretungen und Ärzteverbänden entwickeln sie gemeinsam die Rahmenbedingungen dafür, dass Erkenntnisse aus der Forschung direkt die Patientinnen und Patienten erreichen können. Deren Teilnahme durch die Einwilligung zur Nutzung ihrer Daten ist entscheidend für den Erfolg der Initiative. Eine Koordinationsstelle organisiert und unterstützt die übergreifende und bundesweite Zusammenarbeit aller Akteure. Sie wird von der Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. [TMF] betrieben. An der Geschäftsführung sind auch der Medizinische Fakultätentag [MFT] und der Verband der Universitätsklinika Deutschlands [VUD] beteiligt.

Wie ist der Ablauf der Medizininformatik-Initiative?

Die Medizininformatik-Initiative umfasst im Zeitraum von 2016 bis 2026 drei Phasen:

  • Zunächst haben die Akteure in einer neunmonatigen Konzeptphase (2016-2017) erfolgskritische Fragen gelöst. Sie entwickelten z.B. Konzepte für den Austausch und die gemeinsame Nutzung von Daten. Außerdem wählten sie geeignete Anwendungsfälle („Use Cases“), die die Möglichkeiten moderner digitaler Dienstleistungen und Infrastrukturen im Gesundheitsbereich zeigen sollen. Patientenvertreter und Datenschützer wurden frühzeitig in die Initiative eingebunden.
  • Vier ausgewählte Konsortien (DIFUTURE, HiGHmed, MIRACUM und SMITH) werden in einer vierjährigen Aufbau- und Vernetzungsphase (2018-2022) gefördert. Die Konsortien bauen in dieser Zeit sogenannte Datenintegrationszentren (DIZ) auf, die für den Datenaustausch verantwortlich sind, entwickeln IT-Lösungen und demonstrieren den Nutzen für Patientinnen und Patienten in konkreten Anwendungsfällen.
  • Erfolgreiche Lösungen sollen in der Ausbau- und Erweiterungsphase (2023-2026) in die breite Anwendung gebracht und auf weitere Standorte übertragen werden.
Warum gibt es mehrere Konsortien?

In der Konzeptphase (2016-2017) haben sich sieben Konsortien um eine Teilnahme an der Medizininformatik-Initiative beworben. Eine internationale Jury hat die Anträge bewertet und vier Konsortien zur Förderung empfohlen. Die Auswahlentscheidung der internationalen Gutachter im Wettbewerb um gute Ideen und den effektiven Einsatz von Forschungsmitteln stärkt die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Deutschland langfristig.

Welche Konsortien werden aktuell gefördert?

In der Aufbau- und Vernetzungsphase (2018-2022) fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vier Konsortien, die alle Einrichtungen der Universitätsmedizin in Deutschland umfassen:

  • DIFUTURE (Data Integration for Future Medicine)
  • HiGHmed (Bessere Patientenversorgung und Forschung durch innovativen Informations- und Datenaustausch)
  • MIRACUM (Medical Informatics in Research and Care in University Medicine – Medizininformatik in Forschung und Versorgung in der Universitätsmedizin)
  • SMITH (Smart Medical Information Technology for Healthcare – Smarte Informationstechnologien im Gesundheitswesen)
Welche Aufgaben haben die Konsortien?

In den Konsortien der Medizininformatik-Initiative haben sich Universitätskliniken mit weiteren Partnern, z.B. Forschungsinstituten, Hochschulen, Unternehmen und nicht-universitären Krankenhäusern, zusammengeschlossen. Die Konsortien schaffen gemeinsam die Voraussetzungen dafür, dass Forschung und Patientenversorgung ihre Daten untereinander standortübergreifend austauschen können. Sie haben die Aufgabe, sogenannte Datenintegrationszentren (DIZ) an den Universitätskliniken und Partnereinrichtungen aufzubauen. In diesen Zentren werden die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für einen standortübergreifenden Datenaustausch zwischen Krankenversorgung und medizinischer Forschung geschaffen.

Darüber hinaus entwickeln die Konsortien IT-Lösungen für erste Anwendungen der Medizininformatik, die sogenannten „Use Cases“. Diese konkreten Anwendungsfälle sollen den medizinischen Mehrwert des Datenaustauschs und der IT-Lösungen für die Patienten nachweisen.

Dazu gehören u.a.:

  • Klinische Studien
  • Asthma- und Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD)
  • Onkologie: Präzisionsmedizin für Tumorpatienten
  • Kardiologie
  • Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene
  • Intensivmedizin
  • Neurologie: Multiple Sklerose und Parkinson-Krankheit
  • Seltene Erkrankungen
  • Arzneimittelwechselwirkungen
  • Nutzung von Bioproben-Daten
  • Verbesserung von Versorgungsabläufen

Die Konsortien fördern die Medizininformatik in Deutschland auch durch die verstärkte Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in „Data Sciences“. Dafür werden z.B. an den Hochschulen neue Professuren im Bereich Medizininformatik und neue Studiengänge zu „Medical Data Science“ eingerichtet.

Warum ist es so wichtig, Daten aus der Patientenversorgung und der medizinischen Forschung zu vernetzen?

Im klinischen Alltag werden zahlreiche Informationen zum Gesundheitszustand des Patienten gesammelt. Diese betreffen u.a. Angaben zur Erkrankung der Patientinnen und Patienten, zu bereits durchgeführten Behandlungen, zu Laborwerten sowie Angaben zu Erfolgen der verordneten Therapien.
Alle diese wertvollen Informationen kann die Gesundheitsforschung in Deutschland bisher nur sehr eingeschränkt nutzen. Das will die Medizininformatik-Initiative ändern: Sie wird die Informationen aus der Klinik für die Forschung nutzbar machen und mit Forschungsdaten und Biobankdaten vernetzen. Mithilfe dieser Informationen, die in den Datenwelten aus Klinik und Forschung bislang voneinander isoliert sind, sollen Forschende neue Erkenntnisse gewinnen und Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen und Patienten zukünftig individueller und besser behandeln können.

Welchen Nutzen haben Ärztinnen und Ärzte zukünftig von der Medizininformatik-Initiative?

Die elektronische Zusammenführung aller verfügbaren und relevanten Daten soll den behandelnden Ärztinnen und Ärzten ein besseres Bild über die Situation jedes einzelnen Patienten liefern und es ihnen ermöglichen, Erkrankungsverläufe besser vorherzusehen. Der bundesweite Abgleich von Gesundheitsdaten, Therapieentscheidungen und Behandlungsresultaten soll dadurch zukünftig passgenauere Diagnose- und Behandlungsentscheidungen unterstützen.

Wie profitieren Patientinnen und Patienten von der Medizininformatik-Initiative?

Die Medizininformatik-Initiative will Patientendaten für viele verschiedene medizinische Forschungszwecke vernetzen und der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen, um einen breiten Nutzen für die Allgemeinheit zu erreichen. Ziel ist der Rückfluss medizinischer Forschungsergebnisse in die Versorgung. Dadurch kann die Behandlung optimiert und die Patientensicherheit erhöht werden, etwa, weil Diagnosen schneller und präziser gestellt, Doppeluntersuchungen vermieden oder unerwünschte Arzneimittelwirkungen verhindert werden können. Zudem können Patientinnen und Patienten individueller charakterisiert werden. Dadurch wird es immer häufiger gelingen, den besten Behandlungsansatz bereits vor Therapiebeginn zu bestimmen. Diese maßgeschneiderten Therapien können zu höheren Behandlungserfolgen führen oder Nebenwirkungen reduzieren.

Wie werden die Patientendaten geschützt?

Alle Daten, die eine Person unmittelbar identifizieren – Name, Geburtsdatum, Anschrift – werden verschlüsselt (codiert). Dadurch können die Patientendaten einer Person nicht mehr direkt zugeordnet werden. Nur wenn die Patientinnen und Patienten es ausdrücklich wünschen, lassen sich ausgewählte Daten zu ihnen zurückverfolgen. Dann können Ärztinnen und Ärzte sie z.B. über wichtige medizinische Zusatzbefunde informieren, die durch Datenanalysen entdeckt werden. Diese Identifizierung ist jedoch nur über eine unabhängige Treuhandstelle möglich. Personenidentifizierende Daten werden – außer in von der Person erlaubten oder gesetzlich geregelten Fällen – niemals an Forschende oder sonstige Dritte weitergegeben, insbesondere nicht an Versicherungsunternehmen oder Arbeitgeber.
medizininformatik-initiative.de: Informationen zum Umgang mit genetischen Daten im Rahmen der Medizininformatik-Initiative

Wer darf die Daten wofür nutzen?

Um Daten für ein Forschungsprojekt nutzen zu dürfen, müssen Forschende zunächst einen Antrag stellen. Diesen Antrag prüfen eine unabhängige Ethikkommission und ein „Use-and-Access-Committe“ (UAC) am Standort des Datenintegrationszentrums (DIZ). Das UAC begutachtet die Anträge und genehmigt bzw. lehnt sie ab. Dieses Verfahren schließt eine unethische Nutzung der Daten aus und gewährleistet eine hohe wissenschaftliche Qualität der Datenanalysen. Wird ein Forschungsantrag positiv bewertet, erhalten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zugang zu den Daten. Auf diesem Weg können Universitäten, Forschungsinstitute und forschende Unternehmen die Patientendaten nutzen – jedoch nur für den beantragten medizinischen Forschungszweck.

Wie kann ich als Wissenschaftler/in mitmachen?

Forschende Ärztinnen und Ärzte, die sich z.B. an einem bestimmten Anwendungsfall beteiligen oder ein Forschungsprojekt mit den Daten der Datenintegrationszentren (DIZ) initiieren möchten, können sich direkt an die Konsortien und deren DIZ wenden ("Wo finde ich weitere Informationen?").

Akteure des Gesundheitswesens, die die IT-Lösungen eines Konsortiums in der Ausbau- und Erweiterungsphase ab 2023 übernehmen möchten, können sich der Initiative als Vernetzungspartner oder Roll out-Partner anschließen. Schon in der Aufbau- und Vernetzungsphase (2018-2022) sollen weitere Partner in den Datenaustausch einbezogen werden, z.B. aus der ambulanten Versorgung oder private Kliniken. Ziel ist, dass Forschende, Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten möglichst flächendeckend von den Fortschritten durch die Medizininformatik-Initiative profitieren. Interessierte Akteure des Gesundheitswesens können sich direkt an das jeweilige Konsortium oder an die Koordinationsstelle wenden ("Wo finde ich weitere Informationen?").

Wie kann ich als Patient/in bzw. Bürger/in mitmachen?

Geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der teilnehmenden Unikliniken informieren Patientinnen und Patienten vor Ort über die Möglichkeit, an der Medizininformatik-Initiative teilzunehmen. In den Gesprächen erfahren sie, wie sie in die Nutzung ihrer Daten einwilligen und ihre Zustimmung jederzeit widerrufen können. Natürlich haben sie auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Eine Einwilligung in die Datennutzung für die Forschung im Rahmen der Medizininformatik-Initiative ist derzeit nur im Rahmen einer Behandlung in einer teilnehmen Uniklinik möglich. Unabhängig von der Teilnahme an der Initiative werden zukünftige Verbesserungen der Versorgung durch die Medizininformatik selbstverständlich allen Patientinnen und Patienten zu Gute kommen.

Wie können Patientinnen und Patienten der Nutzung Ihrer Daten zustimmen?

Patientinnen und Patienten werden gebeten, mit der Unterzeichnung einer Einwilligungserklärung der Nutzung ihrer Daten für Zwecke der medizinischen Forschung zuzustimmen. Die Zustimmung ist freiwillig und kann jederzeit und ohne Angabe von Gründen widerrufen werden.

Da sich heute noch nicht sagen lässt, für welche medizinischen Fragestellungen die Daten in Zukunft relevant sein können, ist die Einwilligung in die Datennutzung innerhalb der medizinischen Forschung und Versorgung allgemein gefasst. Das stellt sicher, dass die medizinische Forschung in Deutschland auch zukünftige Aufgaben und neue Herausforderungen mithilfe von Datenanalysen schneller lösen kann.

medizininformatik-initiative.de: Mustertext zur Patienteneinwilligung.

Wo finde ich weitere Informationen?

Vertiefende Informationen zur Medizininformatik-Initiative und aktuelle Arbeitsergebnisse finden Sie auf der Homepage der Initiative: www.medizininformatik-initiative.de

Mehr Informationen zu den Konsortien und der Koordinationsstelle finden Sie auf deren Homepages:
DIFUTURE
HiGHmed
MIRACUM
SMITH
Koordinationsstelle

Mehr Informationen zu den Digitalen FortschrittsHubs Gesundheit auf gesundheitsforschung-bmbf.de:
Digitale FortschrittsHubs Gesundheit
CAEHR
DECIDE
DISTANCE
LeMeDaRT
MIDIA-Hub
MiHUBx

Die Koordinationsstelle beantwortet auch Presseanfragen (presse@medizininformatik-initiative.de) und Anfragen zur Begleitforschung (info@medizininformatik-initiative.de).

Videos

Die Medizininformatik-Initiative des BMBF – Daten gemeinsam nutzen

Mit rund 160 Millionen Euro fördert das BMBF von 2018 bis 2021 die digitale Vernetzung von Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen. Der Animationsfilm zeigt, wie die Medizininformatik dazu beitragen wird, Krankheiten besser zu verstehen und wirkungsvoller zu behandeln. © BMBF


Medizininformatik: Ein Schatz, den es zu heben gilt

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) zeigt schon heute, wie die Digitalisierung die medizinische Forschung stark verändert. Hier sucht man mithilfe von Datenanalysen nach Wirkstoffen gegen Alzheimer oder Parkinson. © BMBF


So funktioniert die Einwilligung zur Datennutzung für die medizinische Forschung

Voraussetzung für das Forschen mit Daten ist die informierte Einwilligung der Patientinnen und Patienten in die Nutzung ihrer Daten. Wie funktioniert das genau? Wie lange werden die Daten gespeichert und wer darf sie nutzen? Wie wird der Datenschutz sichergestellt und was passiert bei einem Widerruf? © BMBF